Wohin entwickelt sich Vibe Coding wirklich?

Meine Prognose: Was heute im breiten Sprachgebrauch Vibe Coding heißt, teilt sich in zwei Welten – freies Experimentieren und kontrollierte, KI-gestützte Softwareentwicklung.

Für eine Projekt- und Systemwerkstatt wie tritraCon ist daran nicht die nächste spektakuläre Demo entscheidend. Es ist die Frage: Wann wird aus einer schnell gebauten Idee ein System, auf das sich Menschen verlassen können? Ausgangspunkt dieses Entwurfs ist die Marktrecherche, kein eigener Praxistest.

Im breiten Sprachgebrauch meint Vibe Coding: Du beschreibst einer KI, was entstehen soll, lässt sie Code erzeugen und näherst Dich im Dialog dem gewünschten Ergebnis. Im engeren Verständnis übernimmst Du den erzeugten Code weitgehend, ohne ihn selbst zu verstehen oder systematisch zu prüfen. Hier zählt vor allem, ob das sichtbare Resultat funktioniert. Die Prognose einer kontrollierten Weiterentwicklung bezieht sich auf den breiten Sprachgebrauch; vom engeren Verständnis rückt diese Arbeitsweise gerade ab.

Das ist ein reizvoller Zugang zu Software. Als Betriebsmodell für eine Plattform mit Mitgliederdaten und Zahlungen ist es allerdings ungefähr so vollständig wie „Motor läuft“ als Fahrzeugprüfung.

Die vorliegende Recherche vom 5. Oktober 2026 fasst die Position von Red Hat so zusammen: Vibe Coding bleibt nützlich, erfolgreiche Teams brauchen aber strukturierte Zusammenarbeit und Qualitätskontrollen. IBM beschreibt laut derselben Recherche eine multimodale Entwicklungsrichtung, in der Text, Sprache und visuelle Eingaben zusammenkommen. Das sind Anbietereinschätzungen, keine Nachweise einer marktweiten Entwicklung; Wortlaut und Kontext der Originalbeiträge sind hier nicht direkt geprüft.

Meine Lesart: Die Bedienung wird natürlicher. Die Verantwortung verschwindet deshalb nicht.

Warum ist eine fertige Oberfläche noch keine fertige Plattform?

Weil eine Oberfläche zeigt, was Du tun kannst – aber nicht zuverlässig, wer es unter welchen Bedingungen tun darf.

Nehmen wir eine hypothetische Community-Plattform. Dein Prompt lautet: „Baue Mitgliederprofile, Veranstaltungen und einen geschützten Bereich.“ Bald sieht das Ergebnis überzeugend aus.

Die eigentliche Produktarbeit beginnt mit weniger fotogenen Fragen:

  • Darf ein ehemaliges Mitglied alte Veranstaltungsunterlagen weiterhin öffnen?
  • Kann ein regionaler Moderator nur seine Gruppe verwalten oder versehentlich alle Mitglieder?
  • Was passiert, wenn eine Zahlung erfolgreich ist, die Freischaltung aber scheitert?
  • Wie werden Daten gelöscht, ohne notwendige Abrechnungsnachweise zu verlieren?

Das sind keine lästigen technischen Details. Hier entscheidet sich, wie Deine Community funktioniert und welches Vertrauen sie verdient.

Fehlende Berechtigungen können auf ungeklärte fachliche Regeln, unvollständige Anforderungen im Prompt oder technische Umsetzungsfehler zurückgehen. Ein Berechtigungskonzept verbindet deshalb Geschäftsregeln mit Sicherheits- und Architekturentscheidungen. Wer was dürfen soll, musst Du fachlich verantworten – und die technische Durchsetzung prüfen lassen.

Meine Lesart: Eine schnell erzeugte, überzeugende Oberfläche birgt das Risiko, den Reifegrad des Gesamtsystems zu überschätzen. Die Demo kann erwachsen aussehen, bevor das Produkt tatsächlich erwachsen ist.

Was kommt nach dem Prompten?

Meine Prognose: Bei produktiven Systemen folgt auf das spontane Prompten die Arbeit mit klaren Anforderungen und überprüfbaren Ergebnissen; beim Agenteneinsatz kommen begrenzte Rechte hinzu.

Für die Arbeit mit KI-Agenten kursiert das uneinheitlich verwendete Etikett „Agentic Engineering“. Agenteneinsatz und Qualitätssicherung sind aber zwei getrennte Fragen: Kontrollierte KI-Unterstützung braucht nicht zwingend autonome Agenten, und ein Agent bringt die nötigen Kontrollen nicht automatisch mit.

Meine Empfehlung für den Agenteneinsatz: Ein Agent bekommt nicht einfach den Auftrag, eine Plattform „besser“ zu machen. Er bearbeitet eine abgegrenzte Aufgabe, darf bestimmte Werkzeuge nutzen und muss definierte Prüfungen bestehen.

Aus „Mach den Mitgliederbereich sicher“ wird beispielsweise:

Ein Mitglied darf ausschließlich seine eigenen Rechnungen abrufen. Auch ein direkter Aufruf einer fremden Rechnungsadresse muss abgewiesen werden. Ergänze dafür automatisierte Tests. Änderungen an Zahlungsdaten benötigen eine gesonderte Freigabe.

Damit wird eine Absicht prüfbar. Der Mensch kann Verhalten beurteilen, statt nur auf plausibel aussehenden Code zu hoffen.

Allerdings: Wenn dieselbe KI eine Anforderung falsch versteht und anschließend passende Tests für ihr Missverständnis schreibt, bekommt der Fehler ein grünes Häkchen. Deshalb brauchen wichtige Prüfungen unabhängig definierte Erwartungen und bei hohen Risiken zusätzliche fachliche Kontrolle.

Meine Prognose: Ein wachsender Teil wertvoller Entwicklungsarbeit wird darin bestehen, Erwartungen ausführbar zu machen – als Akzeptanzkriterien, Tests und klare Grenzen für Änderungen.

Werden Entwickler dadurch überflüssig?

Meine Einschätzung: Nein – aber austauschbare Implementierungsleistungen können unter Preis- und Differenzierungsdruck geraten.

Schnellere Implementierung kann zugleich zusätzliche Nachfrage ermöglichen. Auch standardisierte Umsetzung bleibt wertvoll, wenn sie zuverlässig ist, sich sauber in bestehende Systeme integriert und jemand dafür Verantwortung übernimmt. Wer erkennt, dass eine Anforderung widersprüchlich ist, eine Datenstruktur später Probleme erzeugt oder eine Funktion besser gar nicht gebaut wird, bleibt entscheidend.

Das betrifft auch Agenturen und Werkstätten. Meine Prognose: „Wir bauen Dir zehn Seiten und einen Login“ wird als Leistungsversprechen schwächer. Belastbarer wird: „Wir sorgen dafür, dass Dein Angebot funktioniert, Deine Daten geschützt bleiben und Dein Team das System weiterentwickeln kann.“

Die Gegenposition ist trotzdem wichtig: Nicht jedes Experiment braucht eine Entwicklungsabteilung. Für einen Wegwerfprototyp mit erfundenen Daten kann freies Vibe Coding genau richtig sein. Würden wir jede Idee sofort mit einem vollständigen Produktionsprozess beladen, hätten wir den niedrigschwelligen Zugang erfolgreich wieder zugemauert.

Die sinnvolle Grenze verläuft nicht zwischen Profis und Laien. Sie verläuft zwischen Experiment und Verpflichtung. Sobald andere Menschen auf Dein System angewiesen sind, reicht Begeisterung als Qualitätsnachweis nicht mehr.

Wird individuelle Software jetzt automatisch billiger?

Nein: Eine günstigere Erstellung sagt noch wenig über die Gesamtkosten eines dauerhaft betriebenen Systems aus.

Zum Aufwand gehören auch Hosting, externe Dienste, Fehlerbehebung, Sicherheitsupdates und Anpassungen. Wenn Agenten viele Korrekturschleifen benötigen, können zusätzlich relevante Nutzungskosten entstehen. Ein exportierter Codebestand ist außerdem noch kein Beweis dafür, dass Du das System ohne die ursprüngliche Plattform betreiben kannst.

Meine wirtschaftliche Lesart: Vibe Coding kann eine paradoxe Wirkung haben. Wenn einzelne Anwendungen günstiger zu bauen sind, können Organisationen mehr davon in Auftrag geben. Fehlen dann eine Verantwortung für das gesamte Anwendungsportfolio und die Stilllegung ungenutzter Systeme, kann aus eingespartem Entwicklungsaufwand eine größere Wartungslast werden.

Als zugespitztes Szenario: Plötzlich besitzt Du nicht ein günstiges Werkzeug, sondern zwölf kleine Systeme, für die sich niemand dauerhaft zuständig fühlt. Zwangsläufig ist das nicht. Bewusste Freigaben und Stilllegungen können die Zahl der Anwendungen begrenzen; standardisierte Dienste und automatisierte Wartung können auch die Gesamtkosten senken.

Für Websites und Plattformen folgt daraus eine unbequeme Empfehlung: Nutze die neue Freiheit nicht nur, um mehr selbst zu bauen. Nutze sie, um schneller herauszufinden, was Du nicht selbst bauen solltest. Ein individueller Prozess kann Eigenentwicklung rechtfertigen. Ein gewöhnlicher Login muss nicht jedes Mal eine neue Erfindung werden.

Was solltest Du heute konkret anders machen?

Trenne Experimente ausdrücklich vom Produktivbetrieb und definiere vor dem Übergang, welche Nachweise Du brauchst.

Für einen ersten Entwurf würde ich diese Arbeitsregel empfehlen:

  1. Schnell und abgeschirmt ausprobieren. Testdaten nutzen, Zugänge begrenzen und festhalten, welche Annahme der Prototyp prüfen soll.
  2. Die Produktionsentscheidung bewusst treffen. Vor echten Nutzerdaten klären: Verantwortlichkeit, Datenmodell, Berechtigungen, laufende Kosten und Abhängigkeiten. Auch ein Neubau muss erlaubt bleiben.
  3. Betriebsfähigkeit nachweisen. Relevante Abläufe und Fehlerfälle testen, Sicherheitsprüfungen durchführen, Überwachung einrichten und Wiederherstellung beziehungsweise Rücknahme von Änderungen erproben.
  4. Den Ausstieg mitdenken. Prüfen, wie Du Daten und Code exportierst, welche Dienste unersetzlich sind und wer das System ohne den ursprünglichen Ersteller betreiben kann.

Miss dabei nicht nur die Zeit bis zur ersten Demo. Miss die Zeit bis zur verlässlich nutzbaren Funktion – einschließlich Korrekturen und Betriebsvorbereitung.

Meine Prognose: Vibe Coding bleibt als kreativer Einstieg erhalten. Dahinter werden Werkzeuge verstärkt Schutzfunktionen wie eingeschränkte Agentenrechte, Freigaben vor produktiven Änderungen und Prüfungen auf offengelegte Zugangsdaten anbieten. Wenn diese wirksam konfiguriert und genutzt werden, können sie bestimmte Fehler verhindern. Mehr Autonomie kann zugleich die Reichweite von Fehlentscheidungen vergrößern und neue Abhängigkeiten schaffen. Mehr Schutzfunktionen bedeuten deshalb nicht automatisch mehr Gesamtsicherheit; fachliche Entscheidungen bleiben Deine Aufgabe.

Die Reise führt also nicht in eine Welt, in der Softwareentwicklung keine Kompetenz mehr braucht. Sie führt in eine Welt, in der Kompetenz weniger am Tippen zu erkennen ist.

Code wird leichter verfügbar. Urteilskraft nicht.